Aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 17. Juni 2008 Den düstersten Teil deutscher Geschichte wieder umkehrenGedächtnisbuch-Dachau-Ausstellung in Gießen »Vin d'Honneur« der Wettenberg »Deutschfranzosen«Wettenberg/Gießen (pm). Die Deutsch-Französische Gesellschaft Wettenberg, der 1976 gegründete Verein der Unterstützer der Partnerschaft mit Sorgues und Plattform der Freunde französischer Alltagskultur, hatte am Freitag, 13. Juni, auf einen »Vin d'Honneur« in die Ausstellung »Namen statt Nummern - Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau« eingeladen, die noch bis einschließlich 20. Juni (Dienstag-Freitag 14-18 Uhr) im Pankratius-Gemeindehaus hinterm Stadtkirchenturm in Gießen zu sehen ist. »Deutschfranzosen« und Dachau? 1997 waren die Wettenberger in Sorgues auf ein bis dahin weitgehend unbekanntes Kapitel der deutsch-französischen Geschichte gestoßen - auf den »Train Fantôme«, ein im Sommer 1944 über Monate durch Südfrankreich geisternden Zug mit rund 700 politischen Gefangenen, die auf diesem Weg in das Konzentrationslager bei München gebracht wurden; die Frauen später weiter nach Ravensbrück, etliche Männer nach Mauthausen in Österreich. Im von Deutschen besetzten Sorgues selbst waren die Deportierten, wenige Tage vor der Befreiung durch die Amerikaner am 20. August, in einen neuen Zug umgeladen worden: Der alte Zug hatte, jenseits der Rhône im 18 Kilometer entfernten Roquemaure, nicht mehr weiterfahren können. Der »Train Fantôme«, in Deutschland auch bekannt gemacht durch Jürg Altweggs Buch »Geisterzug in den Tod« (Rowohlt), war fortan Teil der DFG-Arbeit, wurde 2002 - zumal dank einer Übersetzung von Helga Meyer-Jaeger (+ 2005) - erstmals Gegenstand eines Geschichts-Projektes der Wettenberger Gesamtschule, das seinerzeit auch in der Provence zur Schüler-Begegnung mit den früheren Deportierten Marc Brafman, Conchita Ramos und Christian de Roquemaurel führte. Verantwortliche Lehrer waren Gertrud Ritscherle, Mirka Pesek, Achim Schwarz-Tuchscherer und Gerhard Kohler. Veröffentlichungen hierüber brachten einerseits die Gießener Stadträtin Monika Graulich (SPD) in ihrer Funktion als Regionalvorsitzende des nationalen Vereins »Gegen Vergessen - für Demokratie« zu den Wettenberger »Deutschfranzosen«, bei denen sie seither Referentin für historische Recherchen und »Train Fantôme«-Patin ist, und andererseits die Dachauer Gedächtnisbuch-Akteure um Sabine Garhardus nach Sorgues zur dortigen Amicale des Deportées du Train Fantôme. Bei den Gedenkfeiern zum 60-Jährigen am 18. August 2004 in Sorgues kreuzten einander erstmals die Wege der Dachauer und der Wettenberger. Damals interviewten Oberstufen-Schüler aus Dachau und der Region München ehemalige Deportierte - es war der Beginn der praktischen »Gedächtnisbuch«-Arbeit unter dem Dach des Vereins »Dachauer Forum«. Die ersten Recherchen der jungen Wettenberger hatten Gerhardus und den Ihren den Weg erleichtert, die sich unter anderem den Biografien von Marc Brafman, Conchita Ramos, Philippe Toureille, Felix Concaret und Jacques de Puniet annahmen. Mittlerweile wurden über 100 Lebensgeschichten verfasst; außer in Frankreich auch in Deutschland, in Österreich, in den Niederlanden und in der Ukraine. Die Motivation für das »Gedächtnisbuch«: Weiland hatten die Häftlinge beim Betreten dieser Welt, die außerhalb jeder menschlichen Norm lag, ihre Namen und sämtliche Rechte abgeben müssen, einheitliche Kleidung erhalten - und jeweils eine Nummer. Ihnen waren Identität und Würde genommen. Sabine Gerhardus und ihre Helferinnen und Helfer kehren diesen Teil der Geschichte somit wieder um. Aus dem »Gedächtnisbuch« heraus nahmen die Akteure nun 22 Lebensbilder, um mit einer internationalen Ausstellung - übersetzt in bislang vier Sprachen, öffenmtlich dargeboten kürzlich auch in Sorgues - einen Anstoß zu geben, um die Geschichte der aus etlichen Nationen stammenden Dachauer Häftlinge aus einem europäischen Blickwinkel zu sehen. So wie - analog hierzu - auch die Deportierten im »Train Fantôme« unterschiedlichster Herkunft aus Europa waren. Noch eine Verküpfung: Einer der Ausstellungsschirmherrn ist Joseph Nitti, Ex-Botschafter Italiens und Vorsitzender des "Train Fantôme"-Freundeskreises, dessen Vater als Beteiligter mit seinen schriftlichen Aufzeichnung überhaupt erst die Geschichte des Zuges für die Nachwelt erhalten hatte. Nitti wiederum zählte Pfingsten 2005 zu den Ehrengästen der Sorgues-Wettenberger Feierlichkeiten zum 60-Jährigen des Kriegsendes - als auch die Gesamtschule zum zweiten Mal vor Ort auf Spurensuche gegangen war.
Sehr zur Freude der Wettenberger war am Freitag Sabine Gerhardus unter den Gästen der Veranstaltung, konnte so aus erster Hand den Werdegang ihrer Projekte erläutern. Ihre Gesprächspartner waren Bürgermeister Gerhard Schmidt, Lehrerin Constanze Haala-Engels (Gesamtschule Gleiberger Land) und die DFG-Vorstandsmitglieder Norbert Schmidt, Günter Feußner und Dr. Helmut Schmidt sowie - selbstverständlich - Monika Graulich. Am gestrigen Montag, 16. Juni haben Neuntklässler der Gesamtschule Gleiberger Land mit ihrem Lehrer Gerhard Kohler die Ausstellung besucht. |